Hüter der Erinnerung

Lowry, Lois
Hüter der Erinnerung
Engl. Titel: The giver
München ; Dt. Taschenbuch-Verl., 2008
Neuausgabe, ungekürzte Ausgabe
ISBN 978-3-423-08642-4
270 S. – 9,95 €
dtv; 8642

Inhalt:
Die scheinbar perfekte Welt, ohne Sorgen, ohne Schmerzen und ohne Krieg. Doch welchen Preis muss eine Gesellschaft dafür zahlen?

Rezension:
Wir befinden uns scheinbar weit in der Zukunft. Die Menschen haben sich der Gleichheit hingegeben. Sie sehen keine Farben, sind gleich angezogen und brauchen sich um nichts zu kümmern. Ihr ganzes Leben wird von den Ältesten bestimmt, die sie seit ihrer Kindheit beobachten. Ja beobachten. Überall sind Kameras und Lautsprecher, so dass man bei einem Vergehen gleich abgemahnt werden kann. Also rein vom Verständnis her: Wir sind nicht in einer düsteren Zukunft ohne Strom usw., in dieser Gemeinde gibt es sogar Flugzeuge.
Nun, wie erwähnt, wird jedes Leben klar vorherbestimmt. Die Kinder werden jedes Jahr in einer Zeremonie feierlich in die nächste Altersgruppe erhöht. Geburtstage werden nicht individuell gefeiert. Das größte Ereignis im Leben eines Kindes ist das Einschreiten in die Zwölfer-Gruppe. Man bekommt seinen zukünftigen Beruf zugeteilt und wird in die Erwachsenenwelt eingeführt.
Jeder Erwachsene bekommt irgendwann seinen Ehepartner zugeteilt. Kinder werden ebenso zugeteilt, d.h. dass Vater und Mutter nicht ihre leiblichen Kinder aufziehen, da sie nie leibliche Kinder haben werden. Kinder werden nur von den Gebärerinnen zur Welt gebracht, eine in der Gesellschaft nicht hoch angesehene Aufgabe. Nach drei Kindern muss man sein weiteres Leben als Arbeiterin verbringen.

Es gibt noch sehr viel weitere „Besonderheiten“ in dieser Zukunftsvision. Wenn die Kinder erwachsen sind, ziehen sie aus und sehen ihre Eltern nicht mehr, ebenso wie die Älteren. Sie kommen in ein Altenheim und sind dort von den anderen abgeschnitten. Besuchen tun sich die Menschen scheinbar nicht. Ebenso seltsam verhält es sich mit den Gefühlen. Man spricht über seine Träume und Gefühle scheint niemand so richtig zu haben. Liebe, was ist schon Liebe. Gibt es nicht mehr.

Eine Sache hinterfragt man sofort und zwar das „Freigeben“. Es ist die härteste Strafe, die es gibt. Wenn sich jemand nicht an die Regeln hält und dieses Verhalten wiederholt, so kann er freigeben werden. Von neugeborenen Zwillingen wird nur das stärkere Baby behalten, das andere wird freigegeben. Ich hatte schnell eine Vermutung, die am Ende auch wahr wurde.

Die Hauptperson in diesem Roman ist Jonas, der in der Zwölfer-Zeremonie zum Schüler des Hüters der Erinnerung ernannt wird. Eine sehr schwere Aufgabe, die ihm sehr viel Achtung seiner Mitmenschen entgegenbringt.
Aber diese Ausbildung ist voller schmerzhafter Momente und wir erfahren immer mehr über die Hintergründe der Gemeinschaft. Ich hätte mir hier noch etwas mehr Hintergrund gewünscht, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Die Fakten sind mir leider etwas zu spärlich.
Jonas bekommt einige Freiheiten, aber er erfährt auch viele schreckliche Dinge über die Vergangenheit und das Wissen, dass er niemandem etwas darüber sagen darf, ist sehr schwer für ihn.

Die Originalausgabe des Romans erschien bereits 1993 und ist im Grunde so was wie der erste dystopische Roman seitdem das Genre im Jugendbereich wieder so gefragt ist. Wer zuvor schon Reihen wie „Selection“, „Panem“, „Legend“, „Cassia & Ky“ u.a. gelesen hat, wird vieles bekannt vorkommen, aber die Tatsache, dass der Roman eben schon viel früher erschienen ist, zeigt auch das sich eben vieles gleicht.

Die Frage, die mir am Ende bleibt, ist ob die Menschheit eines Tages wirklich alles aufgibt und ihr Leben komplett in die Hände einer Führungskraft gibt. Keine Entscheidungen mehr, keine Sorgen um Essen und Trinken, keine Erinnerungen an die Vergangenheit, aber auch keine Individualität mehr.

Die Autorin:
Lois Lowry, 1933 auf Hawaii geboren, ist eine der renommiertesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen der USA. Ihr Buch „Hüter der Erinnerung “ wurde u.a mit Jeff Bridges verfilmt.

Fazit:
Ein Pagetruner von Dystopie, der wirklich zum Nachdenken anregt, wie selbstbestimmt man in der Zukunft leben möchte. Lediglich das Ende war mir etwas zu offen. Die Autorin wird sich dabei etwas gedacht haben, sonst hätte sie das eine Element, nicht schon so weit vorne erwähnt. Es bleiben zwei Varianten offen und ich würde schon gern wissen, welche sie sich dabei vorgestellt hat.
4 Büchersterne

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3 Kommentare zu “Hüter der Erinnerung

  1. HI 🙂

    Ich habe bis jetzt nur die Original-Ausgabe gelesen und mir hat sie leider überhaupt nicht gefallen, weil ich es einfach langweilig fand. Nachdem ich den Trailer zum Film gesehen habe, dachte ich erst, es wäre ein actionreicheres Buch… Passiert denn in der Film-Ausgabe mehr?

    Liebe Grüße
    Clary

    • Die Film-Ausgabe hat den gleichen Inhalt wie die normale Buchausgabe. Lediglich das Cover ist anders. Ich habe den Film noch nicht gesehen, er steht noch auf meiner Vorbestellliste in der Bibliothek. Daher kann ich da noch keinen Vergleich ziehen.

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