Velvet

Velvet Hooper, Mary
Velvet
Berlin ; Bloomsbury Kinderbücher und Jugendbücher, 2011
Engl. Orig.-Titel: Velvet
ISBN 978-3-8270-5479-1
389 S.    16,90 €

Inhalt:
Waisenkind Velvet landet durch Glück im Haus der Spiritistin Madame Soraya. Fortan hilft sie Madame bei den Abenden, in denen eine Reihe von reicher Herrschaften den Geisterbeschwörungen laufen. Velvet glaubt ein schönes neues Zuhause gefunden zu haben, verliebt sich sogar in George, Madame Sorayas treusten Helfer, doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Zudem scheint es in Madame Sorayas mystischer Welt teilweise sehr mysteriös zuzugehen.

Rezension:
Erneut führt uns Mary Hooper zurück in die Vergangenheit. Wir befinden uns im viktorianischen London, einer Zeit, in der es für Frauen nicht so leicht war, ihr Leben glücklich zu verbringen. Es gibt ein Zitat, in dem die Queen selber sagt, dass es von Gott vorgesehen ist, dass Frauen dem Mann als Gehilfin dienen zu haben.
Die Männer und natürlich auch die Gesellschaft berufen sich darauf und nutzen dies um die Frauen zu unterdrücken. Velvet wuchs in einem ärmlichen Haushalt auf. Der Vater war oft betrunken, gewaltbereit und verschleuderte sein verdientes Geld in Alkohol. Ihre Mutter starb früh, opferte sich aber für die Familie auf, indem sie Wäsche anderer Leute wusch.
Velvet hat nach dem Tod ihrer Eltern in einer Wäscherei Arbeit gefunden. So kommt sie gerade über die Runden. Durch eine glückliche Begebenheit bekommt sie eine Stelle im Haus der Spiritistin Natascha Soraya. Diese lebt auf hohem Fuße, hat stets die neusten Errungenschaften der Technik und die neuste Mode. Die sehr kostspieligen Sachen verdient sie durch ihre Sitzungen in denen sie die Geister der Toten herbeiruft und die sehr teuren Einzelsitzungen.
Als Mensch des 21. Jahrhundert wissen wir, wie diese Spirististen die Menschen übers Ohr hauten, indem sie ihre Sitzungen manipulierten und die Geistererscheinungen eine einfache Bastelei war. Doch damals glaubten die Menschen an das und waren sich nicht bewusst, dass die Informationen die sie so nebenbei über ihr Leben und die verstorbenen Menschen erzählten, von eingeweihten Personen an das „Medium“ weitergegeben wurden.
Genau so eine Person spielt Velvet im Hause von Madame. Sie ist ihrer Chefin sehr zugetan und dankbar, da sie nun ein besseres Leben führt. Sie bekommt teure Geschenke und kann sich von ihrem Gehalt schöne Dinge kaufen.
Erst viel viel später keimen in Velvet die ersten Zweifel. Aber in Anbetracht ihrer Person und ihrer Vergangenheit kann man ihr nichts vorwerfen.
Der Grund, der sie zum Grübeln brachte, waren die sogenannten Baby-Farmen, die es damals wirklich gegeben hat. Im Gesetz war damals verankert, dass allein die Mutter eines uneheliches Kindes bis zu dessen 16. Geburtstages für das Kind verantwortlich war. Da diese eh schon gegen die Moralvorstellungen der Gesellschaft verstießen, war es nie leicht, sich um das Kind zu kümmern und Hilfe konnten sie kaum erwarten. Zudem weigerten sich die meisten Kinderheime und Waisenhäuser uneheliche Kinder aufzunehmen. Die Moral mal wieder. Die anderen Kinder könnten ja verdorben werden. In ihrer Verzweiflung gaben die Frauen ihre Kinder an Frauen weiter, die die Baby-Farmen führten. Viele der Frauen versprachen sich um die Kinder zu kümmern, doch stattdessen kassierten sie das Geld der Mütter und viele Kinder wurden mit Schlafmitteln beruhigt, schliefen auf Zeitungen oder starben. Ein Gesetz gegen Kindesmisshandlung gab es damals noch nicht in der Form wie wir es kennen.
Mrs Dyer, die in der Geschichte die Baby-Farm besitzt, gab es wirklich. Sie wurde mehrfach verklagt und schuldig gesprochen, doch unter einem anderen Namen nahm sie wieder Kinder entegegen. Zudem ermordete sie Kinder und warf sie in die Themse.

Für mich ist die Begegnung mit Mrs Dyer der Wendepunkt der Geschichte. Velvet hat starke Gewissensbisse. Einerseits gegenüber ihrer Madame aber andererseits auch, weil sie weiß, dass sie eigentlich etwas Falsches tut, als sie die Baby-Farm besucht. Der Anblick wäre für jeden ein wahrer Schock gewesen.
Ab diesem Punkt läuft die Geschichte in Hochform dem Ende zu.
Velvet blickt endlich hinter den Schleier und auch der Leser erhält Informationen, die er vielleicht nicht für möglich gehalten hätte.

Velvets Charakter war mir von Anfang an sympathisch. In einigen Dingen naiv, aber das ist auf die damalige Zeit zurückzuführen. Ihr Handeln war für mich immer nachvollziehbar ebenso wie ihre Gefühle.
Charlie, der Polizei-Azubi, ist ein Charakter der mir gar nicht gefiel. Man hat das ja manchmal, dass man jemanden nicht mag. Und er ist so einer. Er mischte sich immer ein, was ja eigentlich sogar sehr sinnvoll war, aber es nervte.
Madame Soraya konnte man schnell als Betrügerin entlarven und auch klar erkennen, wie sie nicht nur ihre Bediensteten, sondern auch ihre Besucher bestechen konnte.
Velvet bekam Schmuck und Kleidung, während den Kunden weiß gemacht wurde, dass die Geister nur dann wohlwollend waren, wenn ihre Hinterbliebenen gewisse Summen oder Schmuckstücke verschenkten oder spendeten. Hier war natürlich Madame Soraya oder ihr engster Gehilfe George unter den Günstlingen, die von den Wertsachen profitierten.

Das Einzige was mir gefehlt hat, war die Auflösung der Tochter-Vater-Geschichte. So wie sich die Dinge wendeteten, hätte ich gerne gewusst, wie das zu Ende ging.

Die Autorin:
Mary Hopper hat schon zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Der Schwerpunkt der Geschichten liegt im Historischen. Sie lebt in der Nähe von London. Auf ihrer Website sind die historischen Bücher chronologisch nach dem Handlungsjahrhundert sortiert.

Fazit:
Ein spannender Roman aus dem viktorianischen London, indem der Leser die Maschen der Spiritisten und Medien fast hautnah miterlebt. Ein temporeiches spannendes Ende, mit fast unvorhersehbaren Wendungen.
Ich vergebe   4 1/2 Büchersterne.

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